Warum ich Academia.edu nicht mehr benutze

Als ich im Dezember 2014 meinen Account auf Academia.edu erstellte, war ich gerade erst richtig im universitären Betrieb angekommen. Ich hatte zwar bereits zwei Jahre studiert, doch erst einige Monate zuvor eine starke Neigung zur Kritischen Theorie – Adorno und Horkheimer, Foucault, Butler – entwickelt. Academia war zu diesem Zeitpunkt noch deutlich unbekannter in der universitären Landschaft Deutschlands als jetzt und glich einem wunderbaren Gemischtwarenladen. Zu jedem meiner mehr oder weniger obskuren Interessen gab es zumindest einige Forschende sowie Paper, die man oft sogar als PDF herunterladen konnte.

Es ging mir ums Erkunden der Forschungsmöglichkeiten, gerade auch, weil ich in der Position eines angehenden Geisteswissenschaftlers war, der im Gegensatz zu etablierten WissenschaftlerInnen keine wirklichen Inhalte, also Paper oder Buchkapitel, für die Community bereitstellen konnte. Hausarbeiten sind schön und gut für das Einüben wissenschaftlichen Arbeitens, aber meistens werden sie im geisteswissenschaftlichen Diskurs nicht als Forschungsbeiträge ernst genommen. Meine Konsumentenhaltung scheint auf der Plattform keine Seltenheit zu sein, wenn man bedenkt, dass Academia.edu mittlerweile 75 Millionen Benutzer hat, aber lediglich 23 Millionen “pieces of research”, durchschnittlich also 0.3 “pieces of research” pro Benutzer.1

Ich war nie Poweruser, aber indem ich nicht nur Themenbereichen, sondern auch WissenschaftlerInnen folgen konnte, die ich kannte, schaute ich immer wieder zum Stöbern vorbei. Auffällig wurde schnell, dass der Newsfeed und die Benachrichtungsfunktion im Grunde unbenutzbar waren, da keine Prioritisierung vorgenommen, sondern schlicht die neusten Ereignisse angezeigt wurden. Grundsätzlich ist dies vom UX-Standpunkt nicht schlecht und gerade bei Twitter wünscht man sich oft die klassische Timeline zurück, aber das Problem bei Academia.edu war jenes, dass die Timeline dadurch von wenigen WissenschaftlerInnen und Themengebieten dominiert wurde, die besonders aktiv waren. Kurze Phasen hoher Aktivität einiger weniger Forschenden führten zu Benachrichtungslawinen. Außerdem offenbarten sich die Filterfunktionen als eingeschränkt, sodass etwa auch spanischsprachige Paper in meiner Timeline landete, mit denen ich – leider – nichts anfangen konnte.

Deswegen benutzte ich die Plattform nach einiger Zeit seltener, meistens nur um spezifische Paper mir bereits bekannter WissenschaftlerInnen abzurufen. Meine wirklichen Probleme mit Academia.edu begannen erst im Jahr 2018, als Academia.edu begann, seiner 2017 eingeführten Premiumfunktionen deutlich aggressiver zu vermarkten. Während ich erst bei der Recherche mitbekommen habe, dass die erweiterte Suche im Volltext der Publikationen seit 2018 ein paid feature ist,2 so sind mir bereits zu diesem Zeitpunkt die E-Mails aufgefallen, die immer wieder in meinem Postfach landeten.

Seit Juni 2018 erhalte ich monatlich mindestens eine Mail von Academia.edu, die eines der Premium-Features anpreist, mir Rabatte verspricht oder mich darauf hinweist, ich sei irgendwo zitiert oder erwähnt worden. Der Grund, warum ich mittlerweile entnervt bin, ist, dass Academia nicht merkt, dass diese Lockrufe nicht besonders gut angepasst oder überzeugend sind. Im Stil von LinkedIn versuchen die Mails, an den Narzissmus des Forschenden zu appellieren – “sieh mal, du wurdest gesucht oder erwähnt” – oder FOMO aufzubauen – “sieh mal, 370 Fellowships, deren Bewerbungsfrist bald abläuft”.

Ich verstehe, dass ein Startup, das seit 2008 existiert und mittlerweile in sechs founding rounds 33.8 Millionen US-Dollar eingenommen hat,3 mit der Zeit einen verstärkten Druck verspürt, profitabel zu werden, aber nachdem ich mittlerweile die fünfte E-Mail erhalten habe, die mir verkündet, mein Name sei in einem Paper der Physical Chemistry Chemical Physics oder Physical Review Letters erwähnt worden, oder auch in einem Paper “published by a member of the Chemistry department at Rice University”, kann ich mir nicht vorstellen, die Plattform weiter zu nutzen. Ja, Named Entity Recognition ist schwieriger als man weithin annimmt, aber ich bin nicht Ulrich Häußermann und angesichts meines Profils und meiner Forschungsinteressen sollte das auch feststellbar sein.

Academia Profile

Ein Blick auf mein Profil. Rot markierte Stellen bewerben oder verlinken Premium-Features.

Der Drang, bezahlende Nutzer zu akquirieren, zeigt sich nicht nur in den regelmässigen E-Mails, sondern ist mittlerweile auch im Interface der Plattform verankert. Auf meiner – recht leeren – Profilseite gibt es vier Elemente, die einen Upgradeprozess anstossen, eines davon im Aufklappmenü.

Die aggressive Vermarktung der Premiumfunktionen legt gleichzeitig ein strukturales Problem zwischen Startups und akademischem Sektor frei, welches Gary Hall sehr klar beschreibt: “Academia.edu has a parasitical relationship to the public education system, in that these academics are labouring for it for free to help build its privately-owned for-profit platform by providing the aggregated input, data and attention value.”4 Academia überträgt das hochproblematische Verhältnis zwischen Universität und Fachverlagen in die Sphäre der sozialen Netzwerke.5

Was sind aber die Alternativen, wenn man Open Access in den Geistes- und Sozialwissenschaften unterstützen will? Neben Open Access Repositories wie Zenodo, ist etwa das noch recht neue MediaArxiv interessant, das zur Initiative ScholarlyHub gehört.

ScholarlyHub, das es sich zum Ziel gemacht hat, “to break down barriers and free scholarship”, befindet sich gerade noch im Aufbau. Das gemeinnützige Portal soll die wissenschaftliche Kommunikation zwischen WissenschaftlerInnen sowie zwischen WissenschaftlerInnen und der Öffentlichkeit vereinfachen. Interessant sind insbesondere die innovativen Ansätze im Bereich Pre- und Postprintdienste. Preprintserver sind in anderen Fachbereichen bereits seit längerer Zeit Usus, im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften mit ihren traditionellen Veröffentlichungstendenzen gab es so etwas jedoch nur auf Plattformen wie Researchgate oder eben Academia. Viele Angelegenheiten sind jedoch noch unklar und es ist fraglich, ob eine kritische Menge an WissenschaftlerInnen bereits ist, in die Dienste zu investieren. Der Preispunkt ist zwar sehr moderat – jährlich 25 US-Dollar beziehungsweise 10 US-Dollar für Studenten6 – aber die Frage nach einer grundsätzlichen Bereitschaft stellt sich trotzdem. Angesichts des interdisziplinären Teams, dem etwa auch Miriam Posner angehört,7 sollte man das Projekt keineswegs zu früh abschreiben.

Etwas kleiner wird der Teilnehmerkreis bei Humanities Commons gefasst, hinter dem die Modern Language Association steht. Das etwas rustikal wirkende Interface halt einiges bereit, unter anderem ein soziales Netzwerk, die Möglichkeit, eigene Portfolio-Seiten zu erstellen und – auch hier vorhanden – ein Open-Access-Repository. Auch wenn ich einige Probleme bei der Registrierung hatte, ist Humanities Commons momentan für mich für die beste Alternative zu Academia. Nicht nur ist der thematische Bereich per default näher an meinen Interessen, die Möglichkeit des Austausches in spezifischen Fachgruppen ist ein wirklicher Mehrwert für mich.

Die Zukunft wissenschaftlicher Social Networks ist, wie man sehen kann, also noch offen und das ist gut so. Ich für meinen Teil werde die Augen offen halten und die Entwicklungen weiter beobachten.


  1. Edsurge: Academia.edu Raises $16M, Launches Mobile App for Researchers, vom 28. März 2019, abgerufen am 30. April 2019. 

  2. Sydney Johnson: ​Academics Knock Academia.edu’s Premium Account and Paywalled Search Features, vom 3. Mai 2017, abgerufen am 30. April 2019. 

  3. Crunchbase: Academia, abgerufen am 30. April 2019. 

  4. Gary Hall: Does Academia.edu Mean Open Access Is Becoming Irrelevant?, vom 18. Oktober 2015, abgerufen am 30. April 2019. 

  5. Im Jahr 2010 hatte Elsevier, der größte Wissenschaftsverlag weltweit, eine Profitmarge von 36%, eine Zahl die im sonstigen Verlagswesen nicht einmal annähernd erreicht wird. Vgl. Stephen Buranyi: Is the staggeringly profitable business of scientific publishing bad for science?, vom 27. Juni 2017, abgerufen am 30. April 2019. 

  6. Vgl. ScholarlyHub: FAQs, abgerufen am 30. April 2019. 

  7. Vgl. ScholarlyHub: People, abgerufen am 30. April 2019. 

Manuel Häußermann

Manuel Häußermann

I'm interested in the intersections between Literature, Culture and the Digital.

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